Die "Riesen vom Rhein" gegen ALBA Berlin – Das ewige Duell

Kein Aufeinandertreffen hat die 90er Jahre in der Basketball-Bundesliga so geprägt wie die Partien zwischen den „Riesen vom Rhein“ und ALBA Berlin. Dabei bekamen die Fans beider Vereine großartige Spiele zu sehen. Wir blicken mit einigen Protagonisten auf tolle Paarungen zurück und ziehen Bilanz.

Artur Kolodziejski (GIANTS) kämpft gegen Marko Pesic 2003 um den Sieg.
Artur Kolodziejski (GIANTS) kämpft gegen Marko Pesic 2003 um den Sieg.

Die Anfänge einer Rivalität

Es war 1989, als ein neuer Basketballverein in Berlin auf den Plan trat. Die BG Charlottenburg wurde gegründet, nachdem absehbar war, dass der bisherige Bundesligist DTV Charlottenburg in finanzielle Schwierigkeiten geriet. Der DTV meldete schließlich 1990 Insolvenz an und die Basketball-Abteilung ging geschlossen in die der BG über. Ein großer und vor allem ambitionierter Verein wurde somit in der Hauptstadt geschaffen, der sich "Step-by-Step" zu einem der besten der Nation entwickeln sollte.

In Leverkusen dagegen wurde just in diesem Jahr ein junger Mann Cheftrainer der Farbenstädter, der noch Basketball-Geschichte schreiben sollte. Dirk Bauermann übernahm die Zügel bei BAYER und war verantwortlich für eine Serie, die bis heute unübertroffen ist. 1990 gewann der gebürtige Krefelder mit seinen Schützlingen seine erste deutsche Meisterschaft (Artikel „Bauermann feiert seine erste Meisterschaft“ hier klicken).

500 Mark und ein Marienkäfer

Bereits in der zweiten Saison des Bestehens der BG Charlottenburg bewiesen die Berliner in der Liga ihre Stärke. Die Hauptstädter kämpften sich in der Hauptrunde auf den zweiten Rang vor, während BAYER mit 30 Siegen und lediglich zwei Niederlagen auf dem ersten Tabellenplatz landete. Ohne große Mühen gelang dem Rekordmeister in den Playoffs der Einzug ins Finale und dort warteten, natürlich, die Charlottenburger.

Die Zuschauer bekamen in der Wilhelm-Dopatka-Halle bzw. der Sporthalle am Sonnenring eine unglaublich intensive Endspielserie zu sehen. Zur Überraschung aller Experten gewann die BG, nach einer 94:107-Auftaktniederlage in Leverkusen, zwei Finalspiele in Folge (85:82 / 86:87). Es fehlte also nur noch ein Sieg für Charlottenburg, um die erste deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte einzufahren. Der frühere BAYER-Manager Otto Reintjes blickt zurück: „Wir standen unter großem Zugzwang und die Anspannung war groß. Mit einer hohen Hypothek sind wir nach Berlin gefahren und alle Beteiligten wussten, dass wir keine großen Fehler machen durften, damit wir eine Chance auf den Titel haben. Es galt also alles in die Waagschale zu werfen.“

Vor der Partie greift Reintjes zu einer Art „Motivationstrick“: In der Umkleidekabine wettet der Manager 500 Mark…gegen seine eigene Mannschaft. Ein eher ungewöhnlicher Kniff, der aber Wirkung zeigte: „Es zeichnet einen Verantwortlichen wie Otto einfach aus, dass er immer wieder zur richtigen Zeit Reize setzen konnte“, sagt der damalige Coach Dirk Bauermann rückblickend. „Ich kann mich noch sehr gut an diesen Moment erinnern. Im Anschluss haben die Jungs in einer engen Begegnung die Nerven behalten und 85:82 gewonnen. Das war schon ein besonderer Moment.“

Dass die Leverkusener die Meisterschaft 1991 gewinnen würden, wurde Bauermann dann auf dem Weg in die Rundsporthalle kurz vor Spiel 5 klar, wie er schmunzelnd zu Protokoll gibt: „Mir flog aus dem Nichts ein Marienkäfer auf die Hand. Marienkäfer sind ja schließlich als Glücksbringer bekannt, da konnte einfach nichts mehr schiefgehen.“ Die Partie vor 4.800 Zuschauern wird indes ein Selbstläufer, bei dem sich die „Riesen vom Rhein“ in einen Rausch spielen und Charlottenburg mit 108:64 bezwingen. Als das Spiel entschieden ist, kommt das Eigengewächs Heimo Förster zum Einsatz. Der damals 26-Jährige war der Publikumsliebling an der Bismarckstraße und als der Point Guard das Parkett betrat, kocht die Halle: „Meine Rolle als Spieler war klar definiert. Ich hab die Jungs, so gut es eben möglich war, von der Bank unterstützt.", erinnert sich Förster. „Ich muss nicht groß erklären, dass die Begegnungen gegen Berlin immer besonders brisant waren. An die Finalserie 1991 kann ich mich noch gut erinnern. Wir haben ALBA deutlich bezwungen und ich bekam auch noch meine Minuten auf dem Feld. Die Stimmung in der ausverkauften Wilhelm-Dopatka-Halle war fantastisch.“

Die Freude über den Titel war also groß, doch Manager Reintjes wusste, dass ein starker Gegner heranwuchs: „Auf der anschließenden Pressekonferenz habe ich den Vertretern der Medien gesagt, dass der „Berliner Bär“ im Basketball nun endgültig geweckt wurde. Man hat schnell gemerkt, dass in Berlin etwas am Entstehen war. Die Infrastruktur war gut, Marco Baldi hat als Verantwortlicher einen sehr seriösen und professionellen Job gemacht. Das hat einfach gepasst!“

Sven Schultze geht gegen Ex-GIANT John Best zum Korb.
Sven Schultze geht gegen Ex-GIANT John Best zum Korb.

Serienmeister und dann kam Bosmann

Bis 1996 blieb BAYER das Nonplusultra in der BBL. Auf dem Weg zur Meisterschaft schalteten die Leverkusener auch immer wieder die Berliner aus: 1991/92 behielten die Farbenstädter im Finale mit 3:0 die Oberhand, im Frühjahr 1994 „sweept“ man ALBA, die ihren neuen Namen im Sommer 91' erhielten, ebenfalls. Auch 1994/95 und 1995/96 ist für die „Albatrosse“ gegen die „Riesen vom Rhein“ im Finale nichts zu holen.

Erst das Bosmann-Urteil (Erklärung siehe hier) beendete die Vormachtstellung der Rheinländer in der BBL. Ein schmerzhafter Einschnitt für die GIANTS. Die Erinnerungen an diese Zeiten bleiben aber positiv, so auch bei Nationalspieler Denis Wucherer: „Die Rivalität zwischen BAYER und ALBA hat die 90er im deutschen Basketball geprägt. Beide Mannschaften begegneten sich auf Augenhöhe. Da waren auf Seiten der Hauptstädter Akteure wie Sasa Obradovic, Stephan Baeck oder die talentierten Ademola Okulaja sowie Henrik Rödl zu finden. Zwar hat Berlin uns einiges abverlangt, aber am Ende haben wir immer die Nerven behalten und ALBA nicht den Hauch einer Chance gelassen. Wir konnten in den Playoffs und im Pokal noch immer ein Schippe drauflegen, deshalb sind wir in den 1990er Jahren so dominant aufgetreten!“

„Es waren einfach unglaublich intensive Partien, in der beide Mannschaften sich physisch und auch psychisch auf hohem Niveau begegnet sind“, zieht Bauermann Bilanz. „Auf dem Feld haben so viele starke Akteure die Partien geprägt, an der Seitenlinie haben Svetislav Pesic und ich uns duelliert. Es war eine Rivalität, die von großer sportlicher Qualität geprägt war. Jeder wollte sich beweisen und zeigen, dass er der Bessere ist.“ Otto Reintjes fügt zustimmend hinzu: „Es war ein knallharter Wettbewerb und weder wir noch ALBA wollten zurückstecken. Berlin hat uns in den 90ern arg gefordert und bis zum Schluss gekämpft. Das waren Spiele und Serien, an die ich immer wieder gerne zurückdenke.“

Nach 1996 etablierte sich ALBA als DER Verein in Basketball-Deutschland. Den BAYER GIANTS gelingt es in der Folge nicht mehr den Bock umzustoßen, lediglich 1999/00 starten die Leverkusener Korbjäger noch einmal den ganz große „Run“ in den Playoffs. Im Finale nimmt Berlin Revanche für die bitteren Pleiten in den 90er Jahren und gewinnt die Serie mit 3:0.

Im Anschluss an den BAYER Titelgewinn 96‘ traf der Rekordmeister 42-mal auf ALBA und verlor davon 34 Begegnungen. Ein versöhnliches Ende gibt es aber irgendwie dennoch: In der letzten GIANTS BBL-Saison gewinnt Leverkusen nicht nur Zuhause, sondern auch erstmalig nach sieben Jahren wieder in der Max-Schmeling-Halle zu Berlin (93:90).

Zahlen lügen nicht

Seit der Saison 1981/82 traf die 1. Herrenmannschaft von TuS 04 bzw. TSV Bayer 04 Leverkusen / der BAYER GIANTS in Bundesliga und DBB-Pokal insgesamt 119-mal auf Mannschaften aus Charlottenburg bzw. Berlin.

Davon gewann Leverkusen 68 Spiele, während man in 51 Partien den Kürzeren zog. In der Ostermann-Arena waren die „Riesen vom Rhein“ die tonangebende Mannschaft und gewannen 40 der insgesamt 62 Heimspiele. Auch in der Bundeshauptstadt behielten die GIANTS knapp die Oberhand und man zog 29 Mal als Sieger vom Feld, dies gelang den Albatrossen einmal weniger (28).

In der „ewigen Tabelle“ der easyCredit-BBL allerdings ist ALBA inzwischen weit an BAYER vorbeibezogen und führt diese als Spitzenreiter an. Die Leverkusener rangieren aktuell auf Rang Drei (hinter Bamberg).

Wann das nächste Spiel zwischen beiden Klubs ansteht ist aktuell nicht absehbar. Dennoch: Beide Vereine haben große Verdienste im deutschen Basketball zu verzeichnen. Etwas, was niemand, aber wirklich niemand abstreiten kann…

Christopher Kwiotek


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